Development of the Horse Grimace Scale (HGS) as a Pain
Assessment Tool in Horses Undergoing Routine Castration, 03-2014

- Gesichtsausdrücke sind ein zuverlässiger Schmerzindikator beim Pferd.
- Die Horse Grimace Scale erkennt Schmerzen auch bei moderaten Eingriffen.
- Der Gesichtsausdruck korreliert klar mit anderen Schmerz- und Verhaltensanzeichen
Horse Grimace Scale: Wie der Gesichtsausdruck Schmerzen beim Pferd verrät
Schmerzen bei Pferden zuverlässig zu erkennen, ist schwierig. Pferde können Schmerzen nicht „zeigen“ wie Menschen, und als Fluchttiere neigen sie sogar dazu, Schmerzzeichen zu unterdrücken. Trotzdem ist eine gute Schmerzerkennung extrem wichtig – besonders nach häufigen Eingriffen wie der Kastration.
Bisherige Methoden zur Schmerzerfassung bei Pferden basieren meist auf Verhalten (z. B. Unruhe, Schonhaltung, Fressverhalten). Diese Methoden haben aber Nachteile:
- sie sind zeitaufwendig
- sie erfordern viel Erfahrung
- sie sind bei milden bis moderaten Schmerzen oft ungenau
Die Studie untersucht deshalb, ob Gesichtsausdrücke – ähnlich wie beim Menschen – genutzt werden können, um Schmerzen beim Pferd zu erkennen. Ziel war die Entwicklung und Überprüfung der Horse Grimace Scale (HGS), also einer standardisierten „Schmerzskala anhand des Gesichtsausdrucks“.
So lief die Studie ab
Untersucht wurden:
- 40 junge Hengste (1-5 Jahre), die routinemäßig kastriert wurden
- 6 Kontrollpferde, die zwar in Narkose waren, aber keinen schmerzhaften Eingriff hatten
Alle Pferde wurden:
- gleich gehalten
- an die Umgebung und Kameras gewöhnt
- nach einem festen Protokoll narkotisiert
Die kastrierten Pferde wurden in zwei Gruppen eingeteilt:
- Gruppe A: einmaliges Schmerzmittel (Flunixin) vor der OP
- Gruppe B: Schmerzmittel (Flunixin) vor der OP und erneut 6 Stunden danach
Alle Pferde wurden gleich gehalten, gefüttert und hatten eine Eingewöhnungszeit, um Stress durch die neue Umgebung auszuschließen.
Die Schmerzerfassung erfolgte:
- vor dem Eingriff
- 8 Stunden danach (ein Zeitpunkt, an dem Narkoseeffekte abgeklungen sind, Schmerzen aber noch vorhanden sein können)
Es wurden drei verschiedene Dinge erfasst:
- Horse Grimace Scale (HGS) – Gesichtsausdruck
- Composite Pain Scale (CPS) – klassische Schmerzskala aus Verhalten und Körperreaktionen
- Verhaltensbeobachtung per Video (z. B. Aufmerksamkeit, Erkundungsverhalten, Körperhaltung)
Was genau wurde im Gesicht bewertet?
Die Horse Grimace Scale (HGS) basiert auf sechs klar definierten Gesichtsausdrucks-Merkmalen, die bei Schmerzen häufiger auftreten:
- Ohren steif nach hinten gerichtet
- Zusammengekniffene Augen
- Spannung oberhalb der Augen
- Stark gespannte Kaumuskulatur
- Angespanntes Maul mit betontem Kinn
- Angespannte Nüstern und abgeflachte Nase
Jedes Merkmal wurde mit 0, 1 oder 2 Punkten bewertet.
Je höher die Gesamtpunktzahl, desto wahrscheinlicher und stärker der Schmerz. Maximal sind also 12 Punkte möglich.
Wichtig:
Die Beurteiler sahen nur Fotos vom Kopf, nicht den Körper – damit wirklich nur der Gesichtsausdruck zählt.






Was kam dabei heraus?
1. Gesichtsausdruck zeigt Schmerz sehr deutlich
- Nur die kastrierten Pferde zeigten nach 8 Stunden deutlich höhere Schmerzwerte im Gesicht
- Die Kontrollpferde (Narkose ohne OP) zeigten keine Veränderung
- Die Gesichtsausdrücke hingen also nicht mit der Narkose, sondern mit dem Schmerz zusammen
2. HGS stimmt gut mit anderen Schmerzskalen überein
- Hohe HGS-Werte gingen einher mit:
- hohen CPS-Werten
- weniger Aufmerksamkeit
- weniger Erkundungsverhalten
- weniger Pflegeverhalten
Das spricht dafür, dass die HGS wirklich Schmerz erfasst und nicht nur „irgendeinen Gesichtsausdruck“.
Der Gesichtsausdruck passte also sehr gut zu anderen bekannten Schmerzzeichen.
3. Schmerzmittel-Gabe machte keinen messbaren Unterschied
Zwischen:
- einmaligem Schmerzmittel
- zusätzlicher Gabe nach 6 Stunden
gab es keinen signifikanten Unterschied im Gesichtsausdruck.
Die Autoren diskutieren zwei mögliche Gründe:
- entweder ist die Skala nicht fein genug, um kleine Unterschiede zu erkennen
- oder die zusätzliche Gabe bringt tatsächlich keinen zusätzlichen Nutzen
Das konnte mit dieser Studie nicht abschließend geklärt werden.
Wie zuverlässig ist die Horse Grimace Scale?
- Sehr hohe Übereinstimmung zwischen verschiedenen Beurteilern
- Auch Personen mit wenig Training konnten die Skala anwenden
- Die Auswertung der Fotos dauerte insgesamt nur ca. 40 Minuten
(im Vergleich: Verhaltensauswertung ~20 Stunden)
Einschränkungen:
- Frontale Fotos sind schwieriger als Seitenansichten
- Dunkle Fellfarben sind schwieriger zu beurteilen
Was bedeutet das für Pferdehalter und Tierärzte?
Diese Studie zeigt sehr deutlich:
- Pferde zeigen Schmerzen im Gesicht
- Diese Zeichen sind nicht willentlich unterdrückbar
- Man kann Schmerzen erkennen, ohne das Pferd anzufassen
Gerade im Stallalltag ist das wichtig:
- frühe Schmerzerkennung
- bessere Einschätzung nach Eingriffen
- mehr Sicherheit für Mensch und Pferd
Die Horse Grimace Scale könnte langfristig ein wertvolles Werkzeug sein:
- für Tierärzte
- für Stallpersonal
- vielleicht sogar für geschulte Pferdebesitzer
Take-away: Pferde leiden oft still – aber nicht unsichtbar. Die Horse Grimace Scale zeigt, dass Schmerz beim Pferd objektiv, schnell und zuverlässig erkannt werden kann. Auch wenn weitere Studien nötig sind, ist klar: Hinsehen lohnt sich.
Dalla Costa E, Minero M, Lebelt D, Stucke D, Canali E, et al. (2014) Development of the Horse Grimace Scale (HGS) as a Pain Assessment Tool in Horses
Undergoing Routine Castration. PLoS ONE 9(3): e92281. doi:10.1371/journal.pone.0092281.
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0092281
